Manche Reisetage werden erst im Rückblick schön. Unser Start in Spanien gehört eindeutig dazu: eine überfüllte Küste, mehr als ein Kilometer rückwärts mit Henry und eine Nacht zwischen Kühen an einem alten Bergwerk. Erst hinter der portugiesischen Grenze wurde aus Frust wieder Vorfreude – auch wenn der Nationalpark Peneda-Gerês gleich die nächste Überraschung für uns bereithielt.
Volle Küste in San Vicente de la Barquera
Am 19. September ließen wir Saint-Jean-Pied-de-Port hinter uns und fuhren nach Spanien. Der Plan klang einfach: weiter am Atlantik entlang und abends irgendwo mit Meerblick stehen. Ausgesucht hatten wir uns die Gegend um San Vicente de la Barquera, einen kantabrischen Küstenort, der auf der Karte genau richtig aussah.
Vor Ort war von Nachsaison nichts zu spüren. Der Ort war brechend voll, die Campingplätze und Stellplätze ebenso. Mitte September fühlte sich die spanische Nordküste an wie im August.
Einen Kilometer rückwärts
Dann entdeckten wir auf einer Anhöhe ein paar Camper, die aussahen, als hätten sie den Platz des Jahres gefunden. Also nichts wie hin. Die Zufahrt wurde schnell schmal, dann einspurig – und unten war natürlich alles belegt. Wenden? Keine Chance.
Uns blieb nur der Rückwärtsgang, und zwar für mehr als einen Kilometer. Weil so etwas nie ohne Publikum passiert, kamen uns dabei auch noch Autos entgegen. Zum Ausweichen fuhren wir mit Henry seitlich in ein Feld und setzten mehrmals mit dem Unterboden auf.
Zwei Erkenntnisse nahmen wir von dieser Aktion mit: Der Allradantrieb hatte sich an diesem Nachmittag bezahlt gemacht. Und Henry muss dringend höhergelegt werden.
Zehn Euro fürs Parken, Schlafen verboten
Ziemlich entnervt steuerten wir einen Parkplatz an, auf dem schon einige Wohnmobile standen. Ein Mann kam zum Kassieren und erklärte uns die Regeln: Parken kostet zehn Euro, Übernachten ist verboten.
Voller Ort, volle Plätze, eine Rückwärtsfahrt mit Bodenkontakt und jetzt zehn Euro fürs Nicht-bleiben-Dürfen. Unser Fazit des Tages fiel entsprechend kurz aus: Spanien nervt.
Eine Nacht zwischen Kühen bei El Soplao
Gerettet hat den Abend Sabine. Sie fand einen Übernachtungsplatz im Hinterland, oben in den Bergen bei der Cueva El Soplao im ehemaligen Bergbaugebiet von La Florida. Der Weg hinauf war steil, dafür wartete oben ein weiter Blick über die Hügel bis hinunter Richtung San Vicente.
Der Platz selbst war herrlich schräg: ringsum Kühe samt ihren reichlich verteilten Hinterlassenschaften, daneben der Eingang zum alten Bergwerk und zwei andere Camper, die den Ort ebenfalls für sich entdeckt hatten. Wir stellten Henry dazu, und mit jedem Blick in die Landschaft wurde unsere Laune besser.
Was es mit dem Ort auf sich hat, haben wir erst später nachgelesen: El Soplao wurde beim Vortrieb von Bergwerksstollen entdeckt, Anfang des 20. Jahrhunderts nutzten die Bergleute der Minen von La Florida einen Teil der Gänge. Berühmt ist die Höhle heute für ihre Helektiten, auch Exzentriker genannt – Tropfsteine, die scheinbar gegen die Schwerkraft kreuz und quer wachsen. Seit 2005 ist sie für Besucher geöffnet.
Höhlenkletterer als Nachbarn
Wie lebendig das alte Bergwerk ist, merkten wir am Abend. Plötzlich kam eine Gruppe von rund zehn Leuten mit Helmen und Kletterausrüstung aus dem Berg, als hätten sie gerade eine Expedition hinter sich. Neben normalen Führungen kann man die Anlage nämlich auch bei Höhlen- und Klettertouren erkunden, inklusive einer sogenannten Ferrata Minera.
Einige der Abenteurer waren unsere direkten Nachbarn. Ihre Autos standen zunächst dicht neben Henry, später parkten sie sie ein Stück weiter weg. Warum, verstanden wir gegen fünf Uhr morgens: Da feierten sie immer noch. Für das Umparken waren wir ihnen trotzdem dankbar.
Geweckt wurden wir am nächsten Morgen von den Kühen. Der Ärger vom Vortag war verflogen, und aus einem ziemlich nervigen Tag war eine unserer ungewöhnlichsten Übernachtungen geworden.
Auf der Holperpiste nach Portugal
Am 20. September wollten wir vor allem eines: Strecke machen und endlich nach Portugal. Über die Fahrt gibt es nicht viel zu erzählen – außer über den Zustand der Autobahn. Schlaglöcher, Bodenwellen und Flickenteppich-Asphalt ließen sie über weite Strecken eher wie eine Offroad-Piste wirken. Mit Henrys tiefem Unterboden fuhren wir entsprechend aufmerksam.
Nach den Erfahrungen an der Küste waren wir froh, Spanien erst einmal hinter uns zu lassen. Ohne weitere Stopps fuhren wir durch bis zur Grenze. Portugal, das eigentliche Ziel unserer Reise, war erreicht.
Peneda-Gerês: Wandern an der Schnellstraße
Unser erstes Ziel in Portugal war der Nationalpark Peneda-Gerês im Norden des Landes. Er ist der einzige Nationalpark Portugals und zugleich das älteste Schutzgebiet des Landes: 1971 gegründet und rund 700 Quadratkilometer groß. Zusammen mit dem angrenzenden spanischen Naturpark Baixa Limia–Serra do Xurés bildet er das UNESCO-Biosphärenreservat Gerês-Xurés. Bekannt ist der Park auch für die Garranos, kleine, robuste Pferde, die hier weitgehend frei leben.
Übernachten wollten wir im Lima Escape Camping & Glamping in Entre Ambos-os-Rios. Auf der Website sah das perfekt aus: direkt am Wasser, am Rand des Nationalparks und ideal, um Henry stehen zu lassen und zu Fuß loszuwandern. Das Wasser vor dem Platz ist übrigens der Rio Lima, der an der Talsperre Touvedo aufgestaut wird.
Schon bei der Ankunft passte das Bild nicht ganz zu unseren Erwartungen. Nach dem langen Fahrtag richteten wir uns trotzdem erst einmal ein und vertagten die Frage auf den nächsten Tag.
Am 21. September zogen wir los – und standen nach wenigen Minuten an einer Schnellstraße. Die möglichen Wege führten zunächst mehrere Kilometer am Straßenrand entlang, begleitet von vorbeirauschenden Autos. Wo ist denn hier der Wanderweg? Unter einer Wanderung im einzigen Nationalpark Portugals hatten wir uns etwas anderes vorgestellt.
Die Lage am Wasser war schön, keine Frage. Als Ausgangspunkt für Wanderungen ohne zusätzliche Fahrt eignete sich der Platz für uns aber deutlich weniger, als die Website vermuten ließ. Ziemlich ernüchtert kehrten wir um.
👉 Hinweis aus eigener Erfahrung: Wer im Peneda-Gerês wandern möchte, sollte vorher prüfen, wo die Wege tatsächlich beginnen – und notfalls einplanen, mit dem Camper zu einem Ausgangspunkt zu fahren.
Rauch am Himmel und Löschflugzeuge über dem Wasser
Am Abend wurde es auf ganz andere Weise eindrucksvoll. Am Himmel hing Rauch, das Licht wurde seltsam: In der Umgebung war ein Waldbrand ausgebrochen. Rauch und tief stehende Sonne färbten den Himmel gelb, orange und rot – ein Farbspiel, das wunderschön gewesen wäre, wäre der Anlass nicht so bedrückend gewesen.
Dann kamen die Löschflugzeuge. Direkt vor unserem Campingplatz gingen sie tief über das Wasser, nahmen Löschwasser auf und stiegen wieder in Richtung Feuer. Immer und immer wieder. Wir standen am Ufer und konnten kaum wegschauen.
Am späten Abend schien das Feuer unter Kontrolle zu sein. Zurück blieb ein merkwürdiges Gefühl: eine wunderschöne Landschaft, ein spektakulärer Himmel – und das Wissen, woher seine Farben kamen.
Nach einer zweiten Nacht am Lima ging es weiter nach Süden: nach Aveiro und an den Atlantik, wo Freunde aus Sinzig schon auf uns warteten. Aber das erzählen wir im nächsten Teil.
