Kurz vor dem Ende unserer Reise wartete noch eine Entdeckung, mit der wir nicht gerechnet hatten: Cordes-sur-Ciel im warmen Abendlicht, für uns vielleicht der schönste Ort der ganzen Tour. Danach folgten Regen, eine letzte Nacht in Frankreich und die Heimkehr nach Sinzig – mit vielen Geschichten und einer langen Liste neuer Ideen für Henry.
Cordes-sur-Ciel: der vielleicht schönste Ort unserer Reise
Nach der unruhigen Nacht bei den Schafen verließen wir am 29. September Gavarnie Richtung Heimat. Die Landschaft wurde sanfter, blieb aber grün und abwechslungsreich. An Toulouse vorbei und über Gaillac ging es zu einem Ort, von dem wir vorher kaum etwas gehört hatten: Cordes-sur-Ciel.
Henry stellten wir auf den offiziellen Wohnmobilstellplatz Parking des Tuileries unterhalb des Ortes. Auf der Karte sind es nur wenige Meter bis zur Altstadt. Was die Karte verschweigt: Diese Meter gehen steil bergauf. Cordes thront auf einem Felshügel über dem Tal und will zu Fuß erobert werden.
Durch Stadttore ins Mittelalter
Der Weg führte durch schmale, steile Gassen und immer wieder durch alte Stadttore, mit jedem Tor ein Stück tiefer ins Mittelalter. Gegründet wurde Cordes 1222 von Raimund VII., Graf von Toulouse, in der Zeit des Albigenserkreuzzugs gegen die Katharer. Die befestigte Stadt sollte den Menschen der verwüsteten Region Schutz bieten. Den Zusatz „sur-Ciel“ trägt sie erst seit 1993: Liegt morgens Nebel im Tal, scheint die Stadt über den Wolken zu schweben.
Je höher wir kamen, desto eindrucksvoller wurde es: Steinhäuser dicht an dicht, gotische Fassaden mit Spitzbögen und kunstvoll bearbeiteten Steinen, dazwischen immer wieder Blicke über die Landschaft des Tarn. Anstrengend war der Aufstieg schon, aber mit jedem Schritt wurde der Ort schöner.
Gotische Häuser, kleine Galerien und Abendlicht
Entlang der Gassen reihen sich Ateliers, Kunsthandwerksläden und Galerien, Cordes ist bis heute ein Ort der Künstler. Viele Läden hatten am Abend schon geschlossen, was uns nicht störte: So hatten wir die Stadt fast für uns. Mehrere Stunden liefen wir durch Gassen, Tore und Durchgänge bis hinauf zur Place de la Halle mit der historischen Markthalle.
Die Sonne stand inzwischen tief. Warmes Licht fiel auf die Steinfassaden und ließ die Gassen golden leuchten, die Tagesbesucher waren längst weg. Wir konnten kaum glauben, dass dieser Ort in Deutschland so wenig bekannt ist. In Frankreich ist er es nicht: 2014 wählten die Franzosen Cordes-sur-Ciel in einer Fernsehabstimmung zu ihrem Lieblingsdorf.
Für uns war es vermutlich der schönste Ort der ganzen Reise. Vielleicht wegen der gotischen Häuser, vielleicht wegen der Lage auf dem Berg, vielleicht aber auch, weil wir genau im richtigen Moment da waren: am Abend, bei untergehender Sonne und fast allein.
Belgier, Duschzelt und eine Runde Kniffel
Nach Sonnenuntergang ging es den steilen Weg hinunter zu Henry. Auf dem Stellplatz lernten wir ein nettes belgisches Paar im Rentenalter kennen, das mit dem Camper Europa erkundet. Und wir feierten eine Premiere: Zum ersten Mal benutzten wir unser Duschzelt tatsächlich zum Duschen. Das klappte völlig unkompliziert und war eine weitere kleine Bestätigung, dass unser Ausbau auch auf langen Reisen funktioniert.
Danach gab es Abendessen und natürlich eine Runde Kniffel. Nach der Schafnacht in Gavarnie war es herrlich ruhig, und wir schliefen endlich wieder richtig.
Regen, braune Schilder und eine Nacht in Deux-Chaises
Am 30. September machten wir uns endgültig auf den Heimweg. Es regnete, und auch die Vorhersage versprach keine Besserung. Nach Wochen auf kleinen Straßen und Passstraßen hieß es nun vor allem: Autobahn, durch das Zentralmassiv, an Clermont-Ferrand vorbei Richtung Norden.
Für Unterhaltung sorgten die braunen Schilder am Straßenrand. In Frankreich weisen sie auf Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Regionen entlang der Strecke hin, verraten aber meist nur einen Namen und ein Bild. Also ließen wir sie uns von ChatGPT erklären. So wurde die Autobahnetappe zu einer kleinen Reise durch all die Orte, an denen wir nicht anhielten: Seen, Schlösser, besondere Landschaften. Eine ziemlich unterhaltsame Art, eintönige Kilometer zu überstehen.
Die letzte Nacht in „Zwei Stühle“
Für die Nacht suchten wir etwas nah an der Autobahn und landeten in Deux-Chaises im Département Allier. Der Name bedeutet tatsächlich „Zwei Stühle“. Am Ortsrand fanden wir einen kleinen kommunalen Campingplatz am Teich: ordentlich parzelliert, ruhig, mit einem kleinen Sanitärgebäude. Außer uns standen nur zwei weitere deutsche Camper dort. Nach all den vollen Plätzen eine wunderbar entspannte letzte Station.
Trotz Regen drehten wir noch eine Runde durch den Ort. Auf den Feldern grasten große Schafherden, die wir nach Gavarnie mit einer gewissen Vorsicht betrachteten. Zum Glück waren sie weit genug weg.
Das Dachzelt blieb bei diesem Wetter zu. Stattdessen schliefen wir auf dem Aufklappbett im Inneren von Henry, erst zum zweiten Mal auf der ganzen Reise. Etwas enger, dafür trocken, und am nächsten Morgen mussten wir kein nasses Zelt einpacken.
Zurück nach Hause
Am 1. Oktober stand nur noch ein Ziel im Navi: zu Hause. Bei weiterhin ungemütlichem Wetter fuhren wir ziemlich stramm durch, und die Ortsnamen wurden immer vertrauter. Um 17:20 Uhr erreichten wir Sinzig.
Henry hatte uns zuverlässig durch Frankreich, Spanien und Portugal gebracht: über Autobahnen und schmale Passstraßen, durch Weinberge und Olivenhaine, an den Atlantik und hinauf auf über 2.000 Meter.
Unser Fazit
Unsere erste große Reise mit Henry war vor allem eines: abwechslungsreich. Wir haben bei Winzern, auf einer Olivenfarm, direkt am Atlantik und mitten in den Bergen übernachtet, zwischen Weinreben und Olivenbäumen, auf winzigen Parzellen und ruhigen Stellplätzen – und einmal neben einem ausgesprochen musikalischen Ensemble aus Schafen, Eseln und Gänsen.
Wir haben Saint-Émilion, La Alberca und Cordes-sur-Ciel entdeckt, die Dune du Pilat erklommen und mit dem Col d’Aspin und dem Col du Tourmalet zwei der berühmtesten Pyrenäenpässe überquert.
Nicht immer lief alles nach Plan. Plätze waren voll, das Wetter neblig oder nass, Arbeit musste unterwegs erledigt werden, und ein Papstbesuch versperrte uns den Weg nach Gavarnie. Aber gerade aus diesen Momenten sind die Geschichten entstanden, die wir heute am liebsten erzählen.
Auch Henry hat seine erste große Bewährungsprobe bestanden. Heckküche, Dachzelt, Aufklappbett und sogar das Duschzelt haben funktioniert. Ein paar Dinge wollen wir noch verbessern – ganz oben auf der Liste steht seit unserer Rückwärtsfahrt in Spanien das Höherlegen.
Am schönsten waren die Begegnungen: mit anderen Campern, Winzern und Farmern, einer südafrikanischen Bedienung, einem spanischen Gitarrenspieler und Freunden aus Sinzig, die wir mehr als 2.500 Kilometer von zu Hause am Atlantik wiedertrafen. Und natürlich war Kalle überall dabei.
Am Ende waren es nicht nur die großen Sehenswürdigkeiten. Es waren der Kaffee aus der Heckküche, ein Glas Wein zwischen den Reben, nasse Kleidung nach einer überraschenden Atlantikwelle, ein Café au Lait auf dem Tourmalet und die ruhigen Abende vor Henry. Wir sind mit vielen Bildern, Videos und neuen Ideen nach Hause gekommen – und mit der Gewissheit, dass das nicht unsere letzte große Reise mit Henry war.
