Los geht’s: Kaffee, Maut und die erste Nacht
Endlich unterwegs! Am 10. September 2026 starteten wir gegen zehn Uhr in Sinzig. Henry war schon am Vortag gepackt worden, sodass wir nur noch einsteigen mussten: Sabine, Andreas und Kalle. Vor uns lagen gut drei Wochen durch Frankreich und Spanien bis nach Portugal. Wie sich Henry auf dieser ersten großen Reise bewähren würde, darauf waren wir mindestens genauso gespannt wie auf die Orte unterwegs.
Über Luxemburg ging es nach Frankreich, an Verdun vorbei und weiter in Richtung Troyes. In Luxemburg knubbelte sich der Verkehr etwas, danach wurde die Fahrt deutlich entspannter. Bevor wir aber ernsthaft Kilometer sammeln konnten, musste natürlich erst einmal Kaffee her. Dafür hatten wir unsere Heckküche schließlich gebaut: Klappe auf, Küche raus und frischen Kaffee kochen. Genau solche kleinen Pausen machen für uns einen großen Teil des Camperreisens aus.
Die französischen Mautstellen sorgten bei Andreas für deutlich mehr Aufregung als die Strecke. Sabine hatte vorab einen Fulli-Mauttransponder besorgt. Langsam auf die richtige Spur fahren, auf das Piepen warten und hoffen, dass die Schranke aufgeht – im Video könnt ihr sehen, wie erleichternd dieser Moment sein kann. Unsere Erfahrung mit dem kleinen Kästchen war auf der Reise insgesamt gut. Einen verlässlichen aktuellen Tarif möchten wir aus unseren spontanen Überlegungen im Video allerdings nicht ableiten.
Gegen 17 Uhr fanden wir relativ spontan den Campingplatz Les Terres Rouges in Clérey nahe Troyes. Einfach, ein wenig eigenwillig und ganz offensichtlich mit viel Liebe ausgebaut: mit See, Spielmöglichkeiten und einer Ausstattung, die für unsere erste Nacht völlig genügte. Einen luxuriösen Ferienplatz suchten wir hier ohnehin nicht. Am Abend gab es Steaks und Salat aus der eigenen Küche. Die große Reise hatte begonnen – erstaunlich unspektakulär und genau richtig.
Mit Henry mitten zwischen die Reben
Am nächsten Morgen fuhren wir weiter über Orléans und Limoges nach Saint-Émilion. Auf den letzten Kilometern änderte sich die Landschaft: Weinberge, kleine Straßen und immer mehr das Gefühl, tatsächlich im Bordeaux-Weinland angekommen zu sein. Gegen 16 Uhr erreichten wir das Château Arnaud de Jacquemeau, das Bio-Weingut von Dominique Dupuy.
Nur war bei unserer Ankunft zunächst niemand da, der uns einen Stellplatz zuwies. Stattdessen wurde gearbeitet: Wir waren mitten in die Weinlese geraten. Andere Camper beruhigten uns. Wir sollten uns einfach einen Platz suchen und am Abend zur Weinprobe kommen; der Rest würde sich schon finden. Also stellten wir Henry zwischen die Reben. So hatten wir uns eine Übernachtung auf einem französischen Weingut vorgestellt.
Eine Toilette gab es ebenfalls, versteckt hinter einer Brettertür in einem kleinen Hinterhof. Von außen erwarteten wir eher ein Plumpsklo, dahinter stand tatsächlich eine richtige Toilette mit Wasserspülung. Das Waschbecken war allerdings abmontiert. Eigenes Papier und die Möglichkeit, sich im Camper die Hände zu waschen, waren hier hilfreich. Das war einfaches Übernachten auf einem bewirtschafteten Weingut und kein voll ausgestatteter Campingplatz.
Weinprobe und eine zweifelhafte neue Spezialität
Um 18 Uhr begann die Weinprobe. Eine Freundin Dominiques führte durch die Verkostung und sprach neben Französisch auch Deutsch und Englisch. Weil so viele deutsche Gäste dabei waren, konnten wir die Erklärungen größtenteils auf Deutsch verfolgen. Für Weinprofis halten wir uns trotzdem nicht – die Diskussion über Grand Cru und Grand Cru Classé im Video sollte man also eher als unsere Lernkurve verstehen.
Der Grand Cru von 2022 gefiel uns besonders gut, weshalb eine Flasche davon in Henry einzog. Dazu kamen eine besondere Abfüllung, die wir später in Portugal mit Freunden tranken, und ein gekühlter Rosé für den Abend. Der war für unseren Geschmack allerdings so süß, dass Andreas auf eine ausgesprochen fragwürdige Idee kam: Rosé mit Jägermeister. Ob Frankreich auf diese deutsch-französische Zusammenarbeit gewartet hat, wissen wir nicht. Geschmeckt hat es uns in diesem Moment erstaunlicherweise schon.
Neben uns stand ein nettes deutsches Paar mit einem großen MORELO. Ob kleiner Van oder großes Wohnmobil, war uns beim Kennenlernen ziemlich egal. Beim Weinkauf zeigte sich der Unterschied im Stauraum dann doch: Wir nahmen drei Flaschen mit, die beiden gleich drei Kisten. Mit Henry zwischen den Reben und der untergehenden Sonne über dem Weinberg war das einer dieser Abende, für die wir losgefahren waren.
Zu Fuß nach Saint-Émilion
Am 12. September ließen wir Henry auf dem Weingut stehen und liefen gegen elf Uhr mit Kalle in den Ort. Der Weg hatte schöne Abschnitte entlang der Weinberge, führte zwischendurch aber direkt an der Straße entlang. Ohne Bürgersteig und mit vorbeifahrenden Autos war das deutlich weniger gemütlich als erhofft. Unsere Empfehlung wäre deshalb, die Fußroute vorher genauer anzuschauen.
Sabine hatte ein klares Ziel: Macarons. Schon in der Rue Guadet entdeckten wir die Manufaktur von Nadia Fermigier und kauften eine Portion. Mit den bunten, gefüllten Macarons aus anderen Patisserien haben die Spezialitäten aus Saint-Émilion wenig gemeinsam. Es sind schlichte Mandelplätzchen auf Papier. Nicht besonders spektakulär anzusehen, aber ausgesprochen lecker. Die im Video ebenfalls probierten Canelés waren noch einmal etwas ganz anderes.
Danach ging es durch die historischen Gassen hinauf zum Place du Clocher. Zunächst besichtigten wir die Stiftskirche und ihren Kreuzgang – und hielten sie anfangs für die berühmte Monolithkirche. Erst später begriffen wir, dass die eigentliche Besonderheit tief unterhalb des Platzes liegt. Mit unseren geschmierten Baguettes und den Macarons suchten wir uns erst einmal einen ruhigen Platz für die Mittagspause.
Steile Gassen und eine Kirche unter unseren Füßen
Über eine der steilen, gepflasterten Tertres stiegen wir anschließend in die Unterstadt hinab. Das unebene Kopfsteinpflaster war mit Sabines angeschlagenem Knie eine kleine Herausforderung. Langsam ging es aber, und unten standen wir schließlich vor der Église Monolithe: einem Kirchenraum, der aus dem Fels herausgearbeitet wurde. Der Platz, auf dem wir zuvor noch gestanden hatten, lag über dieser Kirche.
Von innen konnten wir sie leider nicht sehen. Der Besuch war nur mit einer Führung möglich, und sämtliche Führungen des Tages waren bereits ausgebucht. Das erzählen wir im Video auch ganz ausdrücklich: Wir waren davor, aber nicht darin. Wer die Kirche unbedingt besichtigen möchte, sollte sich deshalb rechtzeitig um eine Führung kümmern und die aktuellen Bedingungen vorher prüfen.
Also ließen wir uns weiter durch die Gassen treiben. Weinhandlungen, Restaurants, kleine Plätze und immer wieder Ausblicke über die alten Dächer: Saint-Émilion machte es uns leicht, länger zu bleiben. Die 118 Stufen der Tour du Roy sparten wir uns an diesem Tag. Unsere Füße und Sabines Knie hatten bereits genug geleistet.
Oben am Place du Clocher gönnten wir uns schließlich einen Weißwein und einen Rosé. Neben dem luxuriösen Hôtel de Pavie blieb auch für uns normale Besucher eine Aussichtslücke frei, durch die wir über die Unterstadt schauen konnten. Danach ging es mit müden Beinen zurück zu Henry. Saint-Émilion hatte uns mehr geboten als Wein: Kirchen über und unter der Erde, wunderbare Gassen und einen Tag, der anstrengend, aber sehr schön gewesen war.
Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von den Weinbergen. Nun sollte es an den Atlantik gehen – mit einem ungeplanten Glücksfall unter Pinien. Dort beginnt der zweite Teil unserer Reise.
